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Anlässlich der "Matter+Form" -Tour im April interviewten wir Ronan von VNV Nation vor seinem Konzert in der frankfurter Batschkapp.

 

 

 

 

FRAGE: Wie ist dein Eindruck von den bisherigen Konzerten dieser Tour?

Ich war ser überrascht, denn die letzte Tour - die "Futureperfect"-Tour - liegt drei Jahre zurück. Die Konzerte waren einfach genial! Wir haben an Orten gespielt, an denen wir nie zuvor spielten, wir hatten ein tolles Publikum und sehr positive Resonanz. Die Leute lieben die Songs des neuen Albums, sie Singen mit und das ist für mich die größte Bestätigung dafür, dass das Publikum unsere Musik mag. Nicht nur, dass die Leute Singen und Tanzen, nein sie singen sogar sehr laut und singen weiter, wenn wir von der Bühne verschwunden sind. Ich habe viele nette Menschen kennengelernt, wir hatten soweit eine sehr schöne Zeit; Die Reaktionen sind besser, als wir erhofft hatten... und darüber bin ich sehr glücklich.

FRAGE: Während des Konzerts in Erfurt hat es einen kleinen Zwischenfall gegeben auf Grund dessen ein Song wiederholt werden musste. Was ist da genau passiert?

Ja, das stimmt. Du hast also davon gehört... Nun, ich mag die Leute nicht, die in unseren Shows Pogo tanzen! Wenn das zum Beispiel in Rockkonzerten passiert, wo soetwas üblich ist, dann ist das OK, aber es gab in unserer Show Leute, die sich nur auf das Pogo Tanzen konzentriert haben. Wenn ich Leute sehe, die soetwas machen, dann mache ich eine Szene und sage, dass sie das lassen sollen. Und ich war höflich. Und ich war ja gut zu verstehen, denn ich war ja der, der am Micro stand. Ich habe es ihnen sogar auf Deutsch gesagt, doch die Leute haben nicht aufgehört. Es wurde immer schlimmer und von der Bühne aus konnte ich viele Leute sehen, denen das Theater nicht gefallen hat. Vier oder Fünf Leute haben da nur Pogo getanzt, sonst hat keiner mitgemacht. Und das macht mich wütend! Die Leute haben sich von der Bühne entfernt. Ich hab' Leute gesehen, die beiseite geschuppst wurden. Das waren die die vor der Bühne standen und einfach das Konzert genießen wollten. Sie wollten Singen und Tanzen, aber das letzte, was sie machen wollten war Pogo Dance. Also meiner Meinung nach, ist Pogo Dance, dieses ineinanderkrachen, diese agressive Form des Tanzens einfach nur bescheuert. Wenn es dann anfängt das Publikum zu nerven und für manch einen schmerzhaft wird, dann schalte ich mich ein. Ich habe die Nerven verloren. Auf der Bühne waren es 46 Grad und es war schon warm genug in der Konzerthalle, ich fühlte mich eh' nicht ganz gesund. Ich hatte eine Erkältung. Und dann noch diese Idioten, diese Holzköppe, die nur ihren Spaß im Kopf hatten und auf nichts und niemand Rücksicht genommen haben! Und ich hab gesagt: "Hört mir mal zu!" Aber es war denen egal, die haben nur gegrinst und mich ausgelacht. Ich lasse mir doch von vier Leuten das Konzert nicht versauen. Was mich stöhrt ist: Wir spielen "Beloved". Das Publikum liebt dieses Lied. Die Leute stehen da, Singen, Klatschen, bewegen sich. Die Leute gehen einfach mit und für viele ist dieses Lied einfach wichtig. Es ist in Ordnung, wenn die Leute tanzen und gegeneinander stoßen, das passiert auf Konzerten. Aber es ist nicht in meinem Sinne, wenn Leute einen agressiven Tanz draus machen wollen. Ich konnte sehen, wie diese Leute einfach andere Besucher gestöhrt haben und ein Mädchen regelrecht weggeschleudert wurde. da habe ich gesagt "Jetzt reichts" und da habe ich sie angeschrien! Ich meine, die haben mir nicht zugehört, als ich ins Mikro gebrüllt habe und da hab ich dem Tontechniker gesagt, er soll abschalten. Und ich habe denen gesagt, was ich von ihnen halte. Ich hab mich missachtet gefühlt, denn auch dieses Lied bedeutet viel für mich! Ich will nicht, dass meine Musik auf diese Art missachtet wird. Gerade wenn vor uns Leute stehen, die viel dafür bezahlt haben uns live zu erleben. Nach dem Konzert kamen Leute zu mir, die kaum glauben konnten, dass eine Band zu dem Geschehen im Saal was sagt. Viele kamen und haben sich bedankt. Ich habe gesagt: Uns ist unser Publikum wichtig. Egal, ob es ein richtiger Fan von uns ist oder ob er einfach nur zum Konzert kommt, weil er Szenemusik mag. Wir geben unser Bestes, so dass das Konzert in guter Erinnerung bleibt. Wir spielen die Lieder, die die Leute hören wollen. Und wir wollen nicht, dass uns Leute das Kaputt machen. Wir assoziieren die Musik von VNV Nation nun mal nicht mit Pogo Dance.

FRAGE: Was für Songs habt ihr gespielt? Nur Songs vom neuen Album oder auch älteres Material?

Es ist eine ausgewogene Mischung. Natürlich müssen wir auch neue Songs spielen und so spielen wir fünf, sechs Songs vom neuen Album. Und das mischen wir mit älteren Songs; keine großen Hits. Es sind die Favouriten des Publikums und wir fragen ja auch, was es hören will. Man kann es nicht jedem recht machen, denn wenn das so wäre, müssten wir jeden Track spielen. Und so geben wir in den ein-dreiviertel Stunden eine gute Mischung aus älterem und neuem Material zum Besten.

FRAGE: Zum neuen Album: Gibt es etwas besonderes auf dieser CD oder ist es ein "typisches " VNV Nation -Album?

Die Art, wie ich es produziert habe ist schon typisch. Aber mit dem Album sind viele Emotionen und Gefühle und eine bedeutende Nachricht verbunden. Es ist ein sehr überzeugendes Album, sehr akzentuiert und es ist ein Album, dass diesen Akzent im Gegensatz zu den anderen Alben am meisten enthält und auf das ich am meisten stolz bin. Ich bin sehr selbstkritisch und denke immer, ich hätte an manchen Stellen mehr tun können. Andere mögen darüber anders denken. Ein Song, der mir sehr viel Freude bereitet hat ist "Chrome". Ich dachte, dass ist der perfekte Song für uns. Es ist kein Techno, aber dennoch ist es ein Szene-Club-Hit. Live gehen die Leute bei Chrome genau so mit wie bei Perpetual, das in vielerlei Hinsicht der Anfang vom Ende des Albums ist. Ich habe gehofft, dass die Leute Perpetual mögen, denn es ist mein persönlicher Favourit des Albums. Wegen der Botschaft im Stück.

FRAGE: Du erwähntest eben eine Nachricht, die in dem Album steckt. Wie lautet diese Nachricht?

Alle Alben hatten eine Nachricht. In diesem Album geht es um Veränderungen, es geht darum, seine Potentiale zu erkennen und in Fähigkeiten umzusetzen. Es geht um positive Veränderungen. Der Titel "Matter and Form" hat einen philosophischen Ursprung, der auf Aristoteles zurückgeht. Es ist ja auch heutzutage so, dass ein Objekt, eine Idee, eine Person aus mehreren Elementen besteht. Kombiniert man diese Elemente, so erhält man etwas völlig Neues. Die Elemente alleine bedeuten gar nichts, aber zusammen bedeuten sie etwas. und man kann sie zu etwas ganz Besonderem kombinieren. Ohne dass ich zu philosophisch oder übertechnisiert klingen will möchte ich mit diesem Album sagen, dass jeder von uns der es hört, eine ganz besondere Fähigkeit hat, von der er nichts weiß. Ich hab das bei mir erlebt, ich hab das bei meinen Freunden erlebt, ich habe das bei so vielen Leuten erlebt. Und ich möchte, dass sie diese Fähigkeit wahrnehmen. Ich möchte, dass sie es durch Kreativität machen oder wodurch auch immer. Ich möchte, dass sie in sich selbst ein Geschenk sehen, eine Fähigkeit die verwirklicht werden kann. Ich habe sehr viele von der negative Seite gesehen, vor allem auch Leute aus der düsteren Szene, die sich irgendwie von ihrem Umfeld abgelehnt fühlten. Aber manche von denen waren - wie ich finde - auch sehr emotional und sie hatten Veränderungen mitgemacht und sich dabei missverstanden gefühlt. Sie kommen sich anders vor. Sie hatten vielleicht eine harte Zeit in der Schule, weil sie anders waren. Das heißt aber noch lange nicht, dass etwas nicht mit ihnen stimmt! Sie sind einfach nur anders und andere haben ein Problem damit das zu akzeptieren. Aus meiner Sicht besitzen diese Leute die Fähigkeit kreativ zu sein. und etwas ganz konstruktives zu schaffen mit dem sie einerseits glücklich werden können und auch andererseits so bleiben können wie sie sind. Ich denke so und viele Menschen die ich kenne denken so. Ich will niemanden duzieren oder von oben herabn sprechen,. Ich sage nur meine Sicht der Dinge. Vieles könnte anders sein und jeder kann aus sich einen besseren Menschen machen. Ich will nicht reden wie ein Hippy, aber jeder Mensch kann in sich eine fantastische Begabung finden und realisieren, ohne dass er sich von der Gesellschaft unerwünscht fühlen muss. Bei vielen Künstlern ist es so gewesen: viele von ihnen haben auch emotional gelitten in ihrem bisherigen Leben, weil sie intensiver gefühlt haben. Und diese Menschen haben etwas ganz besonderes geschaffen, das sie als Individuum definiert. Und das ist das entscheidende Wort: Individuell. Ich weiß, dass unsere Musik viele Menschen inspiriert hat und ich würde mich freuen, wenn das neue Album wenigstens ein paar Hörer dazu inspiriert jemand zu sein, der diese positiven Veränderungen mitmacht und so für sich mit dieser CD etwas anfängt.

FRAGE: Wie sehen die Pläne für die Zukunft von VNV Nation aus?

Nach dem kommenden Sonntag, Sonntag ist unser letztes Konzert, machen wir eine Pause von zwei Wochen und machen dann eine zweimonatige Tour durch Amerika. Und nach dieser Amerikatour werden wir noch ein paar Konzerte geben. und wir planen ein Release für Ende des Jahres. Es wird etwas besonderes sein, über das ich im Moment nichts verraten werde außer, dass es eine Überraschung sein wird. zudem werden wir den Track "Homeward" als Single veröffentlichen. Wir spielen auf dem diesjährigen Mera Luna-Festival. Und im nächsten Jahr haben wir vieles vor. Definitiv soll es ein neues Album geben, denn ich habe eine menge neuer Songs geschrieben, die zu schade sind nicht veröffentlicht zu werden.

FRAGE: Eine Frage die uns schon lange Zeit beschäftigt ist - Was bedeutet eigentlich "VNV"?

Dies beantwortete ich schonmal in einem Forum, weil dies eine häufig gestellte Frage ist. Im Englischen steht das VNV für "Victory Not Vengeance". Der Gedanke ist der, wenn du was erreichen willst, dann solltest du versuchen, das was du erreichen willst auch zustande zu bringen. Wenn du einen Traum hast, dann versuche ihn zu verwirklichen. Bloß nicht Innehalten, sonst bereust du, dass du es nicht versucht hast. Auch wenn es schiefgeht, hast du es wenigstens versucht. Und das habe ich selber erlebt, als ich in Irland gelebt habe. Ich wollte das Land verlassen, die Welt sehen. Viele Leute haben den Mut und die Energie verloren einfach aufzustehen und es zu machen, weil sie Angst davor haben. Und dann sitzen sie 10, 20 Jahre später da und bereuhen, dass sie aus ihrem Traum nichts gemacht haben. Und ich denke nicht daran, meine Träume unerfüllt zu lassen. Das klingt jetzt sehr propagandamäßig, aber es ist im positiven Sinne gemeint. Es bedeutet, dass du deinen Weg gehen sollst ohne zu resignieren.

 

© 2005 by DAS E-WERK | Übersetzung aus den Englischen: Daniel Deister & Christian Ohrens